Ab wann ist Scheiße keine Scheiße mehr?

Das Regulierungsvakuum in der deutschen Rechtsprechung: Ab wann dürfen kompostierte menschliche Fäkalien als Dünger wieder auf den Acker?

„Ab wann ist Scheiße keine Scheiße mehr?“ – Wenn man diese Frage in die Richtung der Politik stellt, kann einem das aktuell niemand wirklich beantworten. Überspitzt und unter Ausblendung der seuchenhygienischen Aspekte ließe sich sagen: Was viele Jahrtausende gängige Praxis war und für fruchtbare Böden und nachhaltige Nahrungsmittelsysteme gesorgt hat, ist seit etwa 100 Jahren immer mehr in den Hintergrund getreten – Nachhaltiges Nährstoffmanagement durch direktes Nährstoffrecycling aus Fäkalien.

Konkret heißt das, Pipi und Kacka werden möglichst lokal hygienisiert und dann unbedenklich in der Landwirtschaft als Dünger angewendet. Spätestens seit der flächendeckenden Einführung von Kanalisation und Klärwerken ist das Thema passé. Nun entledigen wir uns unserer Hinterlassenschaften mittels Spültaste und durchschnittlich 9 Litern sauberen Trinkwassers. Energieintensive, teils unzureichende Abwasseraufbereitung im Klärwerk inklusive.

Wir wollen diesen Trend umkehren und rufen gemeinsam mit unseren Freunden vom Netzwerk für Nachhaltige Sanitärsysteme (NetSan) zur Sanitärwende auf! Besonders zu erwähnen sind hier die engagierten Verwertungsprofis und Kompliz*innen von Finizio – Future Sanitation und das Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ). Wir möchten euch in diesem Blogartikel erklären, was die Hintergründe sind und an welchen Stellschrauben wir gerade gemeinsam drehen.

Kompostmieten auf Kompostieranlage
Dampfende Kompostmieten. Hier, auf der Pilotanlage von Finizio – Future Sanitation, reift der Kompost aus Festival-Kacki. Foto: Finizio GmbH – Future Sanitation

Was bisher geschah

Goldeimer betreibt seit 2014 Komposttoiletten auf Großveranstaltungen in Deutschland. Wir erfahren seit Beginn unserer Aktivitäten großen Zuspruch von Endkund*innen, Veranstalter*innen, Kommunen und Wissenschaft. Unsere Verwertung hat dabei überwiegend als thermophile Kompostierung mit nachgewiesener Hygienisierung in Kompostieranlagen stattgefunden. Ziel war es Kompost zu erzeugen, der im Boden als Humusdünger verwendet werden konnte. Nach und nach wurde aber deutlich, dass es bezüglich der Kompostierung von menschlichen Fäkalien und der dann bodenbezogenen Anwendung des fertigen hygiensierten Kompostes als Humusdünger ein Regulierungsvakuum gibt: Im deutschen Recht gibt es keine menschlichen Fäkalien, die nicht als Abwasser gelten. Trockentoiletteninhalte sind aber ja explizit kein Abwasser, sondern ohne zusätzliches Wasser gesammelte Fäkalien, z.T. auch getrennt gesammelter Urin und Kot im Sinne der Stoffstromtrennung. Dazu gibt es auch mehrere gleichlautende Einschätzungen von Jurist*innen. 

Bei der Anwendung als Humusdünger (oder Boden-/Pflanzenhilfsstoff) gilt in Deutschland die Düngemittelverordnung (DüMV). Sie regelt das Inverkehrbringen von Düngemittel & Co im Allgemeinen. In diesem Rahmen werden sich Aspekte wie Nützlichkeit, Unschädlichkeit und Kennzeichnung angeschaut. Im Anhang der DüMV gibt es eine Positivliste (Tabelle 7) für zulässige Ausgangsstoffe. In dieser Liste sind alle Sachen zu finden, die bei Einhaltung entsprechender Kriterien in Düngemittel & Co verarbeitet werden dürfen.

Es sind dort teils sehr exotische Sachen zu finden: Tierische Nebenprodukte wie Gülle, Jauche, StallmistMagen- und Darminhalte und Tierteile aus der Schlachtindustrie. Ebenso in Ordnung sind Klärschlämme aus Mischkanalisation – mit entsprechendem Risiko einer Schadstofflast aus Industrie- und Straßenabwässern. Reine menschliche Fäkalien (aus Trockentoiletten) sind in dieser Liste allerdings nicht erfasst. 

Na? Merkt ihr was? Irgendwas stimmt da nicht.

Abbildung der DIN SPEC 91421
Mit der DIN SPEC 91421 arbeiten wir, das Netzwerk nachhaltiger Sanitärsysteme, auf eine Aufnahme von menschlichem Kot in die Düngemittelverordnung hin.

Das sind die nächsten Schritte

Aufgrund dieses – nennen wir es mal Regulierungsvakuums – ist es im Laufe der Jahre nun dazu gekommen, dass keine Kompostieranlage mehr Inhalte aus Trockentoiletten verwertet. Als Folge haben wir zusammen mit anderen Unternehmen aus unserer Branche begonnen, auf Basis von Sondergenehmigungen wissenschaftlich begleitete Kompostierversuche durchzuführen – allen voran Finizio – Future Sanitation. Ziel dieser Versuche: Verbesserung der Datengrundlage, dass ohne Wasser gesammelte menschliche Fäkalien, durch entsprechende Kompostierung oder auch andere Verfahren, wunderbar hygienisiert werden. Höhepunkt dieser Bemühungen war bisher die Erarbeitung der DIN SPEC, die im Oktober 2020 veröffentlicht wird. Ebenfalls die der DIN SPEC zugrundeliegende Risikoanalyse

Seit 2018 stehen wir über NetSan (federführend macht das der liebe Flo von Finizio – Future Sanitation) mit dem Beirat für Düngungsfragen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Kontakt. Der Beirat gilt sozusagen als „Türsteher“ in Richtung BMEL, wenn es um das Inverkehrbringen neuer Düngemittel oder die Ergänzung der oben erwähnten Positivliste geht. Folgende Hinweise haben wir als NetSan vom Beirat bekommen. Dabei haben wir auch festgestellt, dass wir insgesamt schon ganz gut unterwegs sind:

  • Die Datengrundlage muss weiter verbessert werden – deswegen die ganzen Aktivitäten mit Versuchen, Analysen und schlussendlich der DIN SPEC und der Risikoanalyse.
  • Die Unschädlichkeit und Unbedenklichkeit muss in größeren und länger andauernden Feldversuchen bestätigt werden. Als Start, plant Finizio derzeit im Raum Eberswalde einen Versuch auf 10 ha über 3 Jahre mit Humusdünger auf Basis von Trockentoiletteninhalten. Ab Mitte September soll es losgehen.
  • Bringt Zeit mit! 3 bis 5 Jahre kann der skizzierte Prozess, Trockentoiletteninhalte in die DüMV zu bringen, noch dauern.

Last but not least wird am 17.9. ein Fachgespräch im Bundestag zur “Zukunftsfähigen Lebensmittelproduktion in geschlossenen Kreisläufen” stattfinden. Im Kern wird es dort um die Nutzung anthropogener Rohstoffe in der Lebensmittelproduktion und verschiedene Konzepte zur Kreislaufwirtschaft gehen. Bei dem Fachgespräch werden Referent*innen vom BMEL, dem Bundesministerium für Umwelt (BMU) sowie Expert*innen aus Praxis, Wissenschaft und Forschung anwesend sein. In seiner Einladung schreibt Rainer Spiering, Mitglied des Bundestages und Agrarpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion:

„Um das Ziel einer klimafreundlichen und gemeinwohlorientierten Nahrungsmittelproduktion zu erreichen, bedarf es als Grundlage zunächst der zusammenhängenden Diskussion einer großen Bandbreite von Themenkomplexen – wie u.a. Nährstoffkreisläufen, Schadstoffminderung, Ressourcenschutz, Klimaneutralität und weiteren sozialen Aspekten“. 

Wir freuen uns auf das Gespräch, zu dem auch Finizio – Future Sanitation, IGZ und Goldeimer eingeladen wurden – nicht zuletzt, weil BMEL und BMU wichtige Institutionen sind, die über die Zukunft derartiger Kreislaufwirtschaftskonzepte inklusive der Nutzung von Pipi und Kacka als Dünger in der Landwirtschaft mitentscheiden.

Also, es läuft so Einiges und es bleibt spannend! Wir halten Euch auf dem Laufenden.

Eure Goldeimer