Donald ist weg, die DIN Spec ist da!

Leute haltet euch fest: Die DIN SPEC 91421 ist soeben, ein paar Wochen eher als gedacht und ein paar Monate später als ursprünglich geplant, veröffentlicht worden (kostenloser Download). Sie ist ab jetzt der erste und einzige Produktstandard, der die Qualität von Recyclingdüngern aus menschlichen Fäkalien aus Trockentoiletten festlegt. Klingt nicht spannend? Ist es aber. Ich mache ein Beispiel. Stellt Euch vor Ihr spielt derbe gut Fussball mit Eurem Team, es gibt einen Schiri, der richtig gut pfeift, aber es gibt keine Regeln die der Schiri anwenden kann…

Wie es anfing

Ich möchte Euch in diesem Blogartikel nicht so sehr erklären wohin es gehen soll mit der DIN SPEC. Das ist in den beiden anderen Blogartikeln “Unser Traum vom Kackewald” und “Ab wann ist Scheiße keine Scheiße mehr?” schon geschehen. Ich möchte in diesem Beitrag einmal kurz auf die Entstehungsgeschichte eingehen, die DIN SPEC an sich vorstellen und ein paar Blicke hinter die Kulissen werfen.Es war mitten im Sommer 2018, als Ari – also offiziell Dr.-Ing. Ariane Krause – vom Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) anfing Fäden zu ziehen und die DIN SPEC 91421, anzuzetteln. Erster Schritt: DIN CONNECT Fördergelder beantragen, welche die mit Kosten verbundene Erarbeitung so einer DIN SPEC für unseren Zusammenschluss erst möglich gemacht hat. Ein Großteil des sogenannten Konsortiums – also des Kreises an Leuten, die aktiv an der DIN SPEC mitgearbeitet haben – setzt sich aus Mitgliedern des NetSan e.V. zusammen (siehe Infobox rechts). Ari hat die Fördermittelakquise mit ihrer Kollegin Franziska Häfner durchgezogen. Dickes Dankeschön dafür!

Zweiter Schritt: Warten… Dritter Schritt: Ca. ein halbes Jahr später kam dann die Zusage. Ein erster Jubel ging durch die Reihen. Wir hatten Fördergelder aus dem DIN CONNECT Topf und durften loslegen. Vierter Schritt: Wir haben uns formiert und Verantwortlichkeiten verteilt. Dank Ari als Projektkoordinatorin sind wir dann offiziell Ende Mai 2019 mit einem Kick-Off Treffen bei der DIN in Berlin in den Prozess der Erarbeitung der DIN SPEC gestartet.

Was ist eine DIN SPEC? Wie kommt es dazu?

Wir sagen immer, eine DIN SPEC (von “specification”) ist die kleine Schwester einer DIN Norm. DIN steht übrigens für Deutsches Institut für Normung. Neben dem Stellenwert dieser beiden Arten von Dokumenten ist auch der Aufwand eine DIN SPEC zu erarbeiten geringer. D.h. es müssen weniger Expert*innen und interessierte Kreise in so einem erarbeitenden Konsortium involviert sein. Theoretisch reichen 3 Organisationen. Bei der DIN SPEC reicht es dann z.B. aus, wenn der Entwurf intern im Konsortium abgestimmt wird. Ein Teilkonsens ist ausreichend, um Entwurf und Veröffentlichung zu beschließen. Bei einer DIN sind mehr Schleifen notwendig. Der Entwurf muss bspw. veröffentlicht und Feedback eingeholt werden und bei Abstimmungen im Konsortium zählt nur der Vollkonsens. D.h. alle Mitarbeitenden stimmen zu.

Die folgende Abbildung zeigt nochmal die wesentlichen Punkte. (Quelle)

Was bringt eine DIN SPEC?

Mit einer DIN SPEC kann in relativ kurzer Zeit ein Produktstandard erstellt werden, mit dem bis dahin noch nicht standardisierte Technologien oder Produkte beschrieben werden können. Dies kann im Interesse einer schnellen Markteinführung einer solchen Technologie bzw. eines solchen Produktes liegen oder eben wie in unserem Falle, um erstmal in der Lage zu sein Grenzwerte für Schadstoffe und Krankheitserreger oder Mindestgehalte an Nährstoffen einheitlich festzulegen und in einem Dokument runterzupinnen. Für alle ersichtlich. Also quasi das Büchlein vom Schiri mit den Fußballregeln. Das DIN sorgt nun noch dafür, dass die DIN SPEC nicht mit bestehenden Normen kollidiert, und veröffentlicht sie qualitätsgesichert kostenfrei und international.

Was hat die DIN SPEC 91421 für Bestandteile?

In einer Einführung wird in das Thema kreislauforientierte Sanitärsysteme und Dünger aus menschlichen Fäkalien eingeführt. Würden flächendeckend solche Sanitärsysteme eingesetzt, könnten laut der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (2015) Recyclingdünger aus menschlichen Ausscheidungen, je nach Nährstoff, 17% bis 25% der in Deutschland eingesetzten synthetischen Mineraldünger ersetzen und damit einen wichtigen Beitrag zum Ressourcen- und Klimaschutz leisten. Es folgene Anwendungsbereich – also die Antwort auf die Frage wofür diese DIN SPEC gilt und Begriffsdefinitionen. Man lernt dort z.B. was “betriebsübliche Zuschlagstoffe” oder “Stoffstromtrennung” sind. Es geht weiter mit dem Kapitel Anforderungen. Und hier wird es nun richtig spannend: Es werden 4 Risikokategorien eingeführt, die uns bei der Erarbeitung der DIN SPEC wie ein roter Faden begleitet haben. Das liest sich dann so (Quelle: DIN SPEC 91421):

  1. “Seuchenhygiene und Infektionsschutz: Menschliche Ausscheidungen können Pathogene enthalten. Eine unsachgemäße Behandlung menschlicher Ausscheidungen birgt somit ein seuchenhygienisches Risiko. Pathogene müssen aus diesem Grund in der Aufbereitung von Inhalten aus Trockentoiletten durch eine angemessene Behandlung eliminiert werden. Um zu verhindern, dass Krankheiten übertragen werden können, müssen Produkte die als Recyclingdünger im Gartenbau zur Anwendung kommen, seuchenhygienisch unbedenklich sein. Um diesen Nachweis zu erbringen, wird das Produkt auf eine Auswahl an „Indikator-Organismen“ analysiert.”
  2. “Pflanzenhygiene: Bei Verwendung von pflanzlichen Zuschlagstoffen für die Behandlung (z.B. Grünschnitt bei Kompostierung) muss das Behandlungsverfahren die Elimination von Unkrautsamen und die Abtötung von Phytopathogenen sicherstellen.”
  3. “Schadstoffarmut: Bei der Schadstofffreiheit sind bei Recyclingdüngern aus Inhalten aus Trockentoiletten vor allem organische Spurenstoffe wie Pharmazeutika und Hormone relevant; Schwermetalle und Mikroplastik in menschlichen Ausscheidungen stellen kein bedeutendes Risiko dar. Außerdem muss der Eintrag von Schadstoffen durch toiletten- und/oder verwertungsbezogene Zuschlagsstoffe vermieden werden.”
  4. “Gartenbauliche Eignung: Die gartenbauliche Eignung ist entsprechend der in Urin und Fäzes enthaltenen Nährstoffe gegeben. Die Düngewirkung richtet sich nach Nährstoffgehalt und Verfügbarkeit (z.B. Nährstoffform und Wasserlöslichkeit) als auch dem gesamten Nährstoffangebot der Recyclingdünger. Je nach Gehalt der Hauptnährstoffe Stickstoff (N), Phosphor (P) oder Kalium (K) und deren Verhältnisse zu einander, können bestimmte Düngemitteltypen zugeordnet werden z.B. NPK-, PK-, NK-Dünger. Außerdem unterscheiden sich die Dünger hinsichtlich ihrer Eignung als Dünger mit Kurzzeit- oder Langzeitwirkung.”

Es folgen seeeeeeeeeehr viele Seiten mit Tabellen voller Grenzwerte und Mindestgehalte. Diese Seiten machen jetzt erstmal nicht viel her, aber das ist der Kern von der DIN SPEC. Wenn also jetzt ein Labor mit einer Analyse von bspw. kompostierten menschlichen Fäkalien beauftragt wird, wendet das Labor die Werte aus diesen Tabellen als Referenzgrößen an. Und genau das war vorher nicht möglich.

Im Anhang folgen dann noch Hinweise zur Probenahme für Analysen der Recyclingdünger, eine offene Liste möglicher Labore für derartige Analysen, mögliche (zulässige) Abweichungen der Analysen – z.B. muss nicht nach allen 5 Krankheitserregern analysiert werden, wenn nur harmloser Urin analysiert wird. Ein weiteres tolles und wieder sehr greifbares Kapitel des Anhangs sind dann noch die praktischen Anwendungsempfehlungen. Diese gliedern sich in Toilettenbetrieb, Behandlung der Kaka und Pipi und gartenbauliche Anwendung.

Weiterhin ist dann auch noch die folgende Abbildung entstanden, die ich nicht vorenthalten will. Es geht darum zu zeigen, wo im deutschen Recht menschliche Fäkalien anzusiedeln sind, die ohne Wasser gesammelt wurden – sprich alles was aus Toiletten stammt, die nicht mit wertvollem Trinkwasser spülen. Die Betrachtung ist entlang der Wertschöpfungskette vom Klo bis auf den Acker aufgebaut.

Last but not not least sind im letzten Kapitel die Ergebnisse eines umfassenden Proof of Concepts dargestellt. Ziel war es hierbei die in der DIN SPEC definierten Grenzwerte und Mindestgehalte für verschiedene Recyclingdünger aus unterschiedlichen Behandlungsverfahren (z.B. Kompostierung, Pyrolyse, Nährstoffrückgewinnung aus Urin) anzuwenden und in Rückkopplung mit verschiedenen Laboren die zu nutzenden Analysemethoden genau festzulegen, damit diese dann in den Tabellen der DIN SPEC kommuniziert werden können und zukünftig angewendet werden können. Resultat: alles chico.

Nächste Schritte

Den nächsten Schritt in Richtung “Ab wann ist Scheiße keine Scheiße mehr?” haben die fantastischen Leute von Finizio jetzt bereits getan. Viele von Euch sind in Form von kompostierter Festivalkaka aus 2019 übrigens auch dabei ;-). Am 20.10.2020 startete der erste offizielle Feldversuch in Deutschland unter Einbindung der brandenburgischen Düngemittelkontrolle. Ziel des Versuches ist es auf 10 ha über 3 Jahre die positiven Eigenschaften von Dünger aus menschlichem Shiet zu zeigen. 

Der Plan ist dann mit den Ergebnissen des Versuches, der DIN SPEC inkl. weiterer Forschungsarbeit (siehe weiterführende Infos) irgendwann beim Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft anzuklopfen.

Wo geht die Reise hin?

1,5 Jahre nach Beginn der Erarbeitung ist es nun soweit. Anfang November erschien die DIN SPEC. Alle Beteiligten sind stolz und froh dieses Kapitel nun vorerst abschließen zu können. Es wird weitergehen, denn DIN SPECs werden alle 3 Jahre angefasst und auf den aktuellen Stand gebracht. Wir sind gespannt wo die Reise hingeht. Mit dieser DIN SPEC gibt es nun erstmals Qualitätsstandards für menschliche Fäkalien und unserer Ansicht nach wird das eine Welle der Transformation lostreten. Wenn nicht unmittelbar, dann aber auf lange Sicht. Denn eins ist ganz gewiss: Die Sanitärwende wird kommen! Es kommt eine Zeit in der es keine Spültoiletten mehr gibt und wo jeder von uns mit ihren/seinen Hinterlassenschaften die Bodenfruchtbarkeit fördert.

Weiterführende Infos und wichtige Grundlagen

Alles Gute,

Enno

Beteiligte des DIN-Konsortiums

  • Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau e. V. (IGZ), Dr.-Ing. Ariane Krause, Franziska Häfner, Emma Harlow
  • FINIZIO GmbH, Florian Augustin
  • Goldeimer gGmbH, Enno Schröder
  • Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ), Dipl.-Ing. Tobias Hübner
  • Kollektiv für angepasste Technik (KanTe), Lisa Häfner
  • Fachverband Pflanzenkohle e. V., Malte Kraus
  • Eawag, das Wasserforschungsinstitut im ETH-Bereich, Prof. Dr. Kai Udert
  • Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e. V. (BDE), Kathrin Brand, Sandra Giern
  • Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme (NetSan e. V.), Isabelle Fischer, Tobias Hofmann
  • Holzapfel + Konsorten GmbH & Co. KG, Karsten Holzapfel
  • Technische Universität (TU) Berlin, Fachgebiet Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie, Janine Korduan
  • DYCLE c/o Zukunft Pflanzen e. V., Christian Schloh
  • LotusConsulting: Dr.-Ing. Jürgen Stäudel