“Geh’ mal mit dem Kopf ganz nah ran und riech’ dran. Na? Riecht nicht, oder?”, sagte Markus zu mir, während wir sein neues Klo in seiner Kreuzberger WG anschauten. Die Aufforderung, meinen Kopf in die Schüssel zu halten, war schon absurd genug. Noch absurder war, dass das Klo gegenüber von einem anderen Klo stand, dem fest installierten WC. Irgendwas ist hier nicht ganz richtig, dachte ich mir, aber egal. Berlin halt. Freaks halt.

Sommer 2011. Mir wurde soeben die erste Komposttoilette meines Lebens vorgestellt.

“Aus deiner Scheiße wird jetzt Erde”, so Markus. “Kein Wasser mehr zum Spülen nötig, keine Kläranlage mehr, keine energieintensive Wasseraufbereitung und vollkommen geschlossene Nährstoffkreisläufe.”

Markus spannte gleich den großen Bogen, erzählte von einer Welt ohne Müll und einem neuen ökologischen Imperativ.

Für mich klang das alles ein wenig wie Zauberei. Und damit war es erstmal getan.

Einige Monate später lag ich mit kaltem Schweiß am ganzen Körper in einem Hostelbett in Ouagadogou, Burkina Faso. Der seit Tagen anhaltende Durchfall raffte mich langsam dahin, solange, bis ich vor Kraftlosigkeit nicht einmal mehr richtig aufstehen konnte. Alles, was ich zu mir nahm, gelangte in Lichtgeschwindigkeit von der einen zur anderen Öffnung. Nicht mal mehr Wasser konnte mein Körper halten. Ich dehydrierte, was nicht ungefährlich ist.

Schweren Herzens entschied ich mich, die Projektreise mit der Welthungerhilfe und Viva con Agua abzubrechen und nach Hause zu fliegen.

Ein Durchfall hatte mich in die Knie gezwungen.

Ein Durchfall…ein simpler, scheiß, fucking, Durchfall.

Wie konnte das passieren?

Von der grausamsten Toilette der Welt zum Goldeimer.

Während unserer Reise durch Ghana und Burkina Faso sind wir täglich mit dem Problem unzureichender Sanitärversorgung konfrontiert gewesen. Das klingt sperrig, aber heißt konkret: verdreckte öffentliche Toiletten – oder gar keine. Keine Möglichkeit, sich mit Seife die Hände zu waschen. Zudem müssen viele Menschen unter Beobachtung im Freien scheißen gehen: neben dem Bus, in der Nachbarschaft, am Straßenrand. Was muss, das muss. Wasserquellen werden fäkal kontaminiert. Ein gefundenes Fressen für Fliegen, die Viren und Bakterien wiederum auf Lebensmittel übertragen. Ein Teufelskreislauf mit der Konsequenz, dass Menschen an Durchfall erkranken und im schlimmsten Fall sterben.

Vor allem Kinder unter 5 Jahren sterben an Durchfall und den Folgen unzureichender Sanitärversorgung. Über 500 000 Kinder jährlich. Weitere 1,7 Milliarden sucht mindestens einmal im Jahr ein tückischer Durchfall heim. Insgesamt fehlt 2,3 Milliarden Menschen weltweit der Zugang zu einer vernünftigen Sanitärversorgung. (WHO)

Bis zu diesem Zeitpunkt war es nie ein Problem für mich, mein Stoffwechsel-Endprodukt irgendwo loszuwerden. Klo, Scheißen, Abwischen, Spülen, fertig. Tiefergehende Gedanken zu diesem Prozess erachtete ich schlichtweg nicht als notwendig, geschweige denn zu den Konsequenzen.

Klo, Scheißen, Abwischen, Spülen, fertig. Alles war geregelt.

Bis zu eben jenem Tag, als der Durchfall mich schachmatt setzte.

Viele Gedanken gehen mir seitdem durch den Kopf.

Kann man das Problem mit dem Durchfall nicht irgendwie lösen? Mehr Klos, mehr Seife, weniger Durchfall?
Wieso scheiße ich hier eigentlich jeden Tag aufs Neue in sauberes Trinkwasser? Ist das nicht unglaublich dämlich? Wie konnte es soweit kommen? Gibt es da nicht bessere Lösungen?

Da erinnerte ich mich an Markus und an seine Toilette der Zukunft.

Eine Bachelor-Arbeit über alternative Sanitärsysteme und eine Bewerbung beim yooweedoo-Ideenwettbewerb später stand ich mit meinen Kommilitonen Jan, Hannes, Rolf und Jojo auf dem Campingplatz vom Splash-Festival in Gräfenhainichen. Neben uns ein schrottiger VW Bus, eine Kiste Bier und zwei Komposttoiletten aus Holz, die wir mit mehreren linken Händen wochenlang in den Hallen der ehemaligen Muthesius Kunsthochschule in Kiel zusammengezimmert hatten.

Das Abenteuer Goldeimer konnte beginnen.

Unser Ziel: Das beste, nachhaltigste, sauberste und schönste Klo aufzustellen, dass es jemals auf einem Festival in Deutschland gegeben hat.

Das Feedback auf unsere Toiletten war so überwältigend, dass wir weitermachen wollten. Zusammen mit Viva con Agua wurde die Goldeimer gGmbH gegründet. Unser Vorhaben: Dem Thema Sanitärversorgung in der öffentlichen Wahrnehmung ein positives Image und mehr Aufmerksamkeit verschaffen und Sanitärprojekte der Welthungerhilfe weltweit co-finanzieren.

Seit mittlerweile fünf Jahren rollen wir für das Klo den Roten Teppich aus und touren mit bis zu 80 Toiletten durch die Festivalrepublik.

Seit fünf Jahren erzählen wir Deutschlands Festivalbesuchern, dass ein Klo ohne Wasser das bessere Klo ist.

  • Dass man Scheiße wirklich kompostieren kann.
  • Dass 2,3 Milliarden Menschen keine vernünftige Sanitärversorgung haben.
  • Dass 500 000 Kinder an Durchfallerkrankungen sterben.
  • Dass wir ein ernsthaftes Problem mit Bodendegradation und Phosphormangel bekommen, wenn wir mit unserer Scheiße weiter so verantwortlungslos umgehen wie bisher.
  • Dass wir weitermachen, bis all das jeder weiß.
  • Dass Klos auch Spaß bringen können.
  • Und dass jeder Mensch das Recht auf einen ruhigen, sauberen und vor allem sicheren Ort zum Scheißen hat.

Dafür werden wir uns auch weiterhin vor jede Kamera und jedes Mikrofon stellen, uns 60 Stunden in transparente Toiletten auf der Reeperbahn setzen und das Klo als die wichtigste Erfindung gleich nach der Waschmaschine zelebrieren.

(Malte)