Was ist ein gutes Unternehmen?

Warum sprechen wir eigentlich immer von »sozialem« Klopapier? Goldeimer ist ein gemeinnütziges Unternehmen. Das bedeutet, dass es bei uns keine Gewinnausschüttungen an Gesellschafter*innen gibt. Stattdessen fließt alles auf direktem oder indirektem Wege in unseren gemeinnützigen Zweck: WASH-Projekte unterstützen, Zugang zu gesicherter Sanitärversorgung weltweit ermöglichen, mit unseren (Festival)-Trockenklos Nährstoffe zurück in den Kreislauf bringen und Spülwasser bzw. Trinkwasser einsparen. Wenn man sich unsere Werte, Ziele und Vision so anguckt, könnte man Goldeimer also wahrscheinlich als ein gutes Unternehmen bezeichnen. Warum wir machen, was wir machen, steht außer Frage. Aber wie sieht es aus, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft?

Spoiler: Es geht in diesem Beitrag um unseren GWÖ-Bericht. Wenn du gleich tief eintauchen willst, dann schau ihn dir direkt an.

2017, mitten in der Sturm-und-Drang Phase von Goldeimer, hatten wir viel Zeit, viel Energie und kamen mit kleinen Gehältern aus. Unsere oberste Priorität war es, unser kleines Goldeimer-Projekt zum Fliegen zu bringen. Das war eine verrückte, schöne, gute Zeit – aber am Ende vom Geld war immer noch viel Monat übrig, wir saßen mit gebeugtem Rücken auf zu kleinen Holzstühlen und wurden langsam aber sicher müde von 60-Stunden-Arbeitswochen. Wir mussten erkennen, dass ein gesundes Unternehmen nicht auf der Basis von Stress, Selbstausbeutung und Existenzängsten aufgebaut werden kann. Es drängten sich die Fragen auf: Was macht eigentlich ein gutes Unternehmen aus? Und wo stehen wir selbst? Wie steht es um die Zufriedenheit im Team oder betriebliche Altersvorsorge? Nachhaltigkeit in der Lieferkette? Produkttransparenz?

Abb. 1: Screenshot aus einem Team-Chat von 2017

Die Gemeinwohl-Ökonomie: Unser Kompass auf dem Weg zum guten Unternehmen

Auf der Suche nach Antworten sind wir unter anderem auf die Gemeinwohl-Ökonomie gestoßen. Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) steht für eine andere Form des Wirtschaftens. Das Gemeinwohl soll in den Mittelpunkt des Wirtschaftens gerückt werden, während der reine Profit als oberstes Ziel unternehmerischer Tätigkeit an Bedeutung verliert. Erfolgreiche Unternehmen sollen nicht mehr ausschließlich an ihrem finanziellen Erfolg gemessen werden, sondern am geleisteten Beitrag zum Gemeinwohl. Hierzu wurde ein Bilanzierungsverfahren erarbeitet, dass sich aus vier Gemeinwohl-Werten (Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung) und fünf sog. Berührungsgruppen (Lieferant*innen, Eigentumsstrukturen, Mitarbeitende, Kund*innen/Mitunternehmen, Gesellschaftliches Umfeld) zusammensetzt. Was wir an dieser Herangehensweise spannend fanden, ist, dass wir uns auch mit den blinden Spots innerhalb von Goldeimer beschäftigen mussten – und nicht nur mit den Kirschen auf der Sahnetorte, von denen wir ohnehin wussten, dass wir sie ganz gut meistern.

Der Beitrag zum Gemeinwohl wird auf Basis der Gemeinwohl-Matrix definiert und bewertet. Ziel der Bewertung ist es, die Wirkung von unternehmerischen Aktivitäten auf das Gemeinwohl sichtbar zu machen. Im Bilanzierungsprozess beschreibt die berichtende Organisation strukturiert die einzelnen Aspekte und lässt dabei tief blicken. Zusätzlich stuft sich die berichtende Organisation auf einer Skala ein. Je stärker der jeweilige Wert in der Organisation gelebt wird, desto höher die Punktzahl. Zusätzlich zur Bewertung auf Themenebene wird eine Gesamtbewertung, die Gemeinwohl-Punktezahl, ermittelt. Maximal können 1.000 Gemeinwohl-Punkte erreicht werden. Bei gemeinwohl-schädigenden Praktiken werden Minus-Punkte vergeben, die maximal minus 3.600 Punkte betragen können. Rückgekoppelt und geprüft wird das Ganze durch eine so genannte Peer Group. In unserem Falle waren das Naturkost Nord, Framtid und die Markthalle Hamburg.

Abb. 2: GWÖ-Matrix mit der Punktzahl, die wir im Bilanzierungsprozess erreichen konnten.

Die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie ist groß: Je höher die Punktzahl eines Unternehmens in der GWÖ-Bilanz ausfällt, desto mehr rechtliche Vorteile soll es erhalten. Hierzu gehören niedrigere Steuern, Zölle und Zinsen oder Vorrang bei öffentlichen Ausschreibungen und Beschaffungen. So entsteht ein rechtliches Anreizsystem, unter anderem mit der Konsequenz, dass ethische Produkte zukünftig preisgünstiger werden als unethische. Die Verletzung von Menschenrechten oder die Zerstörung von Ökosystemen würden in Endverbraucherpreise mit eingerechnet, anstatt wie aktuell einen Wettbewerbsvorteil zu erzeugen.

Unsere GWÖ-Bilanz: 733 von 1000 möglichen Punkten!

Zusammen mit unserem GWÖ-Sparringspartner Wolf Oeding hat Enno in den letzten Monaten unser kleines Unternehmen nach allen Kriterien der GWÖ unter die Lupe genommen. Knapp 300 Stunden sind in die Bilanzierung geflossen – und jetzt ist es geschafft. Seit Juli 2021 sind wir ein gemeinwohlbilanziertes Unternehmen und haben fantastische 733 von 1000 möglichen Punkten erreicht!

Einen detaillierten Blick in unsere Kompaktbilanz findet ihr im GWÖ-Bericht. Corona-bedingt hat sich die Fertigstellung und Abnahme innerhalb unserer Peer-Group etwas hinausgezögert, weshalb jetzt “erst” die Jahre 2018 und 2019 begutachtet wurden. Wir arbeiten gerade aber schon an unserer zweiten Kompaktbilanz und rechnen mit einer Veröffentlichung Anfang 2022. Was wir uns bis dahin vorgenommen haben, könnt ihr in der Bilanz unter den mittelfristigen Zielen nachlesen. Was darüber hinaus geschehen soll, findet sich in den langfristigen Zielen.

Abb. 3: Shiggy, Glumanda und Bisasam (v.l.n.r) mit dem GWÖ-Bericht

Warum die GWÖ-Bilanz mehr als ein schickes Siegel ist

Wir sind extrem stolz auf unsere erste GWÖ-Bilanz und freuen uns sehr über die hohe Punktzahl. Zum einen können wir uns nun zu den über 600 GWÖ-bilanzierten Unternehmen weltweit zählen und ein schickes Siegel in unseren Footer auf der Website packen. Zum anderen, und das ist viel wichtiger, haben wir extrem viel bei dem Bilanzierungsprozess und dem Austausch mit Wolf und der Peer Group gelernt und halten jetzt einen ganz konkreten Maßnahmenplan in den Händen, wie wir uns in den nächsten Jahren verbessern können. Die Gemeinwohlbilanz ist nämlich mehr als ein schickes Siegel für bessere Außendarstellung – sie ist vor allem ein langer und tiefgreifender Prozess zur Optimierung der organisationsinternen Arbeit und Prozesse.

Zukünftig werden wir den Erfolg von Goldeimer nicht mehr nur am betriebswirtschaftlichen Jahresabschluss festmachen, sondern vor allem an den Fortschritten in unserer GWÖ-Bilanz – hier setzen wir uns regelmäßig kritisch mit allen Bereichen bei Goldeimer auseinander, anstatt nur einmal auf die Zahlen zu schauen. Im Idealfall hilft uns die GWÖ-Bilanz, unser Unternehmen ganzheitlich zu hinterfragen, zu optimieren und uns vor Kurzschlüssen und Mission Drift zu bewahren. Für uns ist das der richtige Weg ist, um Goldeimer langfristig erfolgreich und nachhaltig aufzubauen.

Wir bleiben wie immer sportiv und schließen intern schonmal Wetten ab, ob wir beim nächsten Mal die 800er-Marke knacken können.

Bis dahin,

eure Goldeimers

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